Den Braten soll keiner riechen

Ebermast: Die Niederländer schildern Fachjournalisten ihre Erfahrungen.

Es ist ein Zwiespalt, der der Fleischindustrie schon länger Kopfzerbrechen bereitet: Im Jahr 2018 ist Schluss mit der betäubungslosen Kastration von Ferkeln. Als Alternativen bieten sich nun deutlich aufwendigere Methoden
bei der Kastration oder die Ebermast. Doch was tun mit den geruchsauffälligen Tieren? Das Dutch Steering Committee „Stopping the castration of piglets“ richtete nun eine Informationsreise aus, um seine Erfahrungen in der Ebermast mit Journalisten aus Europa zu teilen.

Teilnehmer aus Italien, Deutschland und Frankreich mischten sich unter die holländischen Kollegen. Start der Reise war in Eindhoven, wo Annechien ten Have, Präsidentin der Gruppe und seit 20 Jahren Ebermästerin, die Journalisten
begrüßte. Gé Backus von der Uni Wageningen erklärte den wissenschaftlichen Stand der Geruchsforschung.
In den Niederlanden werden bereits rund 50 Prozent der männlichen Schweine als Jungeber gemästet, in Deutschland
sind es gerade mal fünf Prozent. Hemmschuh der Entwicklung scheint der Lebensmittelhandel, der vielfach nicht bereit ist, sich auf Eberfleisch einzulassen.

Erste Station der Reise war der Zuchtbetrieb Polsdonk. Hier können Besucher durch Fenster in den Schweinestall hinein schauen und ein Lehrpfad vermittelt Wissenswertes über die Schweinehaltung. Die Inhaberfamilie Vlemminx
hat sich vor etwas mehr als einem Jahr gegen die Ferkelkastration entschieden. Die Schweine
werden an das Schlachtunternehmen Vion verkauft, das auch Eber annimmt. Denn das Wichtigste an der Umstellung auf Ebermast sei, auch Abnehmer für das Fleisch zu finden, erklärt Landwirt Pieter Vlemminx nachdrücklich.

Beim Besuch eines Supermarkts sahen sich die Journalisten das niederländische „Beter Leven“- Label genauer an. Dieses Symbol gibt Aufschluss über die Tierhaltung und ist aus einer Kooperation mit Vion und dem Lebensmittelhändler
„Albert Heijn“ entstanden. Maximal können drei Sterne erreicht werden, ein Stern steht für die Einhaltung von Tierschutzauflagen, die über das Gesetz hinausgehen, unter anderem die Nicht-Kastration von Ebern. Zwei Sterne
zeigen zusätzlich Freilandhaltung an, die Höchstzahl von drei Sternen erzielen Landwirte, die zudem ökologisch produzieren.

Beim Besuch eines Vion-Schlachthofs bot sich die Gelegenheit, in der Schlachtlinie praktisch zu sehen,
wie der Betrieb mit geruchsauffälligen Tieren umgeht. Dazu wurde ein System entwickelt, das die Geruchsskala von Null bis Fünf einteilt. Null heißt dabei kein Ebergeruch, Fünf ist die stärkste Geruchsstufe. Ab Stufe 1 werden die geruchsbelasteten Tiere bei Vion aussortiert und weiterverarbeitet. Sie werden nicht als Frischfleisch
angeboten. In der Linie wird ein auf Geruchserkennung trainierter Arbeiter eingesetzt. Er erhitzt mit einem
Bunsenbrenner den Speck und riecht daran. Ebergeruch kann nur wahrgenommen werden, wenn das Fleisch erhitzt wird. Da nicht jeder den Geruch überhaupt und gleich stark wahrnimmt, sind die Prüfer sorgfältig ausgesucht und
geschult.

Quelle: afz Journal, Ausgabe Juni 2013, Elisabeth Kilian.